Artikel Hurra Krise!
Die leisen Gewinner der Finanzmisere

Im Schatten der Krise gibt es auch Sieger. Wir zeigen die heimlich-leisen Gewinner. Warum islamische Finanzprodukte, die EU und grüne Unternehmen gestärkt aus der Krise kommen.

30.11.2009 - 17:18
Von Lena Hofmann

Islamkonforme Finanzprodukte

Das Gesetz des Islam, die Scharia, verbietet Muslimen vieles, was für andere Banker selbstverständlich ist: zum Beispiel Zinsen für verliehenes Geld zu verlangen. Das ist nach herrschender Meinung im Islam verboten, unabhängig von der Höhe des Zinses. Geld verdienen lässt sich trotzdem: Anstatt einen verzinsten Konsumentenkredit zu geben kann ein Unternehmen das vom Kunden gewünschte Produkt selbst kaufen und dann an den Kunden zu einem höheren Preis verkaufen. Den stottert der Käufer in Raten ab: Handel statt Geldleihe.

Islamische Finanzprodukte punkten in der Krise, weil Sie sich stärker an der Realwirtschaft orientieren (Foto: Bankfassade im traditionell islamischen Design an der Grand Hamad Street /Quatar, Foto: baldrick2dogs/Flickr)

Verboten sind im Islam auch Geschäfte mit dem Lieblingskind der Finanzbranche: Derivaten. Die verleihen das Recht, ein bestimmtes Gut zu einem festgelegten Preis zu verkaufen oder zu kaufen und haben damit eine wundersame Hebelwirkung mit riesigem Gewinn- wie Verlustpotential. Nach islamlschem Recht muss Gegenstand eines Vertrages dagegen die Ware selbst sein und nicht irgendwelche Rechte an der Ware.

Die Scharia orientiert sich deutlich stärker an dem, was Ökonomen als Realwirtschaft bezeichnen. So verwundert es nicht, dass islamkonforme Finanzprodukte in der Krise boomen. Die strengen Regeln stehen für ein nachhaltigeres und solideres Wirtschaften und gewinnen auch bei Investoren an Interesse. Schätzungen sagen für den islamischen Finanzsektor Wachstumsraten von jährlich 10 bis 15 Prozent voraus, von derzeit circa 800 Milliarden Dollar (540 Milliarden €) auf über 4.000 Milliarden Dollar (2700 Milliarden €) in acht bis zehn Jahren.

Die EU-Reform  

Sie steckte schon im Schlamassel als die Finanzkrise anfing: Nachdem die Iren in einem Volksentscheid am 12. Juni 2008 den Vertrag von Lissabon ablehnten, geriet die Reform der Europäischen Union ins Stocken.

Der Lissabon-Vertrag sollte Europa fit für die Zukunft machen. Er sieht in vielen Bereichen Mehrheitsentscheidungen vor, was die Blockadehaltung einzelner Staaten verhindern kann und er macht die Gemeinschaft handlungsfähiger. Auch versprach der Vertrag mehr Rechte für nationalen Parlamente und das EU-Parlament.

Im Dezember 2008 hatte der Rat beschlossen, dass in Irland ein zweites Referendum stattfinden sollte. Zumindest vordergründig würden den Iren jetzt "Garantien" eingeräumt: die gingen aber weitestgehend nicht über das hinaus, was ohnehin schon im Reformvertrag stand. Allenfalls der vorübergehende Verzicht auf die Verkleinerung der EU Kommission war ein echtes Entgegenkommen.

Diese Zugeständnisse sollen die Iren umgestimmt haben, als sie im Oktober 2009 erneut an die Urnen traten und diesmal für den Reformvertrag stimmten? Wohl nicht. Vielmehr dürften die Inselbewohner von der Realität der Wirtschaftskrise eingeholt worden sein: Irland hatte es voll erwischt. Bereits Ende 2008 rutsche das Land als erstes der EU in eine Rezession. Der Staat stütze die Banken mit Bürgschaften über 400 Milliarden Euro. Für 2009 und 2010 prognostiziert die EU Kommission ein Absacken des Bruttoinlandsprodukts von jeweils über zehn Prozent. Ohne den schützenden Schirm der Euro-Zone wäre die Bonität des Landes abgestürzt und die Zinsen für frisches Geld gestiegen - mit drastischen Auswirkungen für die Wirtschaft.

Die Krise hatte damit etwas Gutes: Die schützende Hand der EU in schwierigen Zeiten dürfte für viele Iren ein Argument gewesen sein, für ein starkes Europa zu stimmen. So wurde der Weg frei für das Inkrafttreten des Reformvertrages.

"Grüne" Unternehmen

Zu den Siegern der Krise zählen offenbar auch Unternehmen, die eine langfristig angelegte, nachhaltige Unternehmenspolitik verfolgen. Umweltfreundliche Produkte, emissionsneutrale Herstellung, Energieeffizienz: Das kostet nur und poliert allenfalls das Markenimage leicht auf? Stimmt nicht: Eine Studie der Management-Beratung A. T. Kearny in den USA hat ergeben, dass in 16 von 18 Branchen Unternehmen mit einer ernsthaft nachhaltigen Ausrichtung die Krise deutlich besser gemeistert haben als ihre Konkurrenz. Etwa 10 bis 15 % über dem Branchenschnitt lag die Entwicklung der Aktienkurse der 99 untersuchten Firmen in einem drei bzw. sechs-Monats-Zeitraum des vergangenen Jahres.

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Bild von Lena Hofmann

Lena Hofmann

Frau Hofmann ist Diplom-Volkswirtin und arbeitet neben der Betreuung Ihrer Kinder für eine große Deutsche Bank. Ihr Interesse gilt Themen aus der Welt der Wirtschaft, Arbeit und Karriere. Als Team-Playerin ist Frau Hofmann auch seit langem begeisterte Volleyballerin.

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