Artikel Diskussion: Internet Communities of Relationship
Zwischen Schwarmintelligenz und sozialer Nebelkerze

Die Bewertungen von Communities of Relationship sind zwiespältig. Gelten sie den einen als Einleitung neuer gesellschaftlicher Strukturen mit unbegrenztem Zugang zu Wissen, stellen sie für andere banale Zeitfresser mit eingeschränktem Nutzen dar.

21.07.2010 - 12:30
Von Prof. Dr. Jan Krone

Web-basierte Social Communities sind offenbar als sehnsüchtig erwartete Ausfaltung der Kommunikationsoptionen nach dem Mobilfunk die scheinbare Erlösung von der gesellschaftlich-konventionalen Gefangennahme des Seins. Fast möchte man meinen, Kommunikationsforen und deren Design würden den Welthunger besiegen sowie den Weltfrieden bringen[1].

Peter Kruses Vision

Unlängst analysierte Peter Kruse[2] das hoch-dynamische System Internet, in dessen chaotischer Ordnung eine kollektive Intelligenz stecken könne, die in der Summe ihre Einzelteile überragt. Das altbekannte Problem dieser allgegenwärtigen Schwarmintelligenz sei jedoch die Evaluierung der vorhandenen Informationen, denn traditionelle Werkzeuge versagen in Konfrontation mit der unüberblickbaren Menge, Redundanz und Vielfältigkeit.

Social Communities seien der erste Schritt zur Auflösung dieses Dilemmas; die User von Facebook, Twitter und ähnlichen Netzwerken erschaffen den notwendigen Kontext, der ein virtuelles Relevanz-Spektrum aufspannt. So könnte zum Beispiel eine Internet-Suche in Facebook berücksichtigen, ob und welche User die entsprechenden Ergebnis-Seiten für gut befunden haben und dies im Rahmen des Rankings der Suchergebnisse einfließen lassen. Die ultimative Aufschlüsselung der Schwarmintelligenz wäre, so Kruse, allerdings erst durch einen gegenseitigen Veränderungsprozess von Real-Kultur und Internet-Kultur gefunden – eingeleitet durch die Bildung eines sinnstiftenden Esperantos sowie eines direkten, selbständigen Durchsetzens von Einzelinteressen. "Relaxed" sollten wir diesem utopisch anmutenden, offenen Ende entgegen blicken, denn “it will be a change for the good”.

Internet Communities of Relationship als kommunikative "Revolution"

Gespannt schauen wir also in die Weiten der nachfrage-stärksten Internet Communities of Relationship (im Unterschied zu den Communities of Intrest, -Knowledge, -Fantasy sowie den Communities of Transaction) und suchen nach den ersten Anzeichen dieser großen Veränderung, den Belegen für das Netz-Selbstgefühl der Auflösung aller Klassen und sozialen Gesetze.

In der autoritären, also dystopischen Realität eingeschränkter Kommunikation und unscharfen, eigenen Bewusstseins lassen sich Veränderungen erkennen. Im Unterschied zu den analogen Kommunikationsstrukturen erleichtern Social Communities zum einen den Zugang zu Meinungsführer-Postitionen[3] und zum anderen ermöglichen sie die breite Wahrnehmung von Ereignissen.  

Die Werbung als eine Ausprägung der Meinungsführerschaft aufgreifend, ist es beispielsweise Seth Godin[4], der dem viralen Marketing in sozialen Netzwerken das Bedeutungsgewicht im Gegensatz zur klassischen Werbung über Massenmedien mittelfristig zuspricht. Die teure Kauf-Hypnose der Masse mittels Unmengen an Werbeschaltungen funktioniere nicht mehr und werde durch den direkten, kostengünstigen Zugang zum "Volk" über Social Communities of Relationship ersetzt.

Das neue Zauberwort laute „Tribes“. Eine Ansammlung von Menschen, die sich für eine Veränderung bringende Idee begeistern kann und diese umsetzen will. Aus diesem Grund folgen die Community-User den restriktionslosen Meinungsführern wie die Insekten dem Licht im Dunkeln. "Create a movement, it takes only 24 hours" lautet die enthusiastische Aufforderung Godins.

Agierende soziale Netzwerke sind der Übergang von Individualkommunikation in Grenzen hin zum entgrenzten Kommunikationsraum: tritt auf der sozialen Mikroebene eine Veränderung des persönlichen Lebensbereichs zeitgleich für eine ausreichend große Anzahl an Menschen auf, und sind die Betroffenen mit entsprechenden Kommunikationsmöglichkeiten ausgestattet, wird simultan, unkontrolliert und unkontrollierbar via Social Communities eine perspektiven-reiche Darstellung des Ereignisses realtime in Form von Texten, Bildern und Videos ausgesendet. Politische Unruhen, Naturkatastrophen, billiger Diesel an der Tankstelle um die Ecke und nicht zuletzt der Parkplatz im Viertel lassen sich nicht lange von der Wahrnehmung ausschließen – gewollt oder ungewollt.

Beitrag

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Co-Autorin: Boriana I. Gueorguieva

Boriana I. Gueorguieva Studierte Geschichte an der Universität Wien und aktuell Betriebswirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien. Daneben arbeitet sie im IT-Consulting.

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Prof. Dr. Jan Krone

studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Jura, Neuere Deutsche Literatur sowie Theaterwissenschaft an der FU Berlin. Er arbeitet zu Themen des Medienwandels, ist Leiter des Moduls Medien im Dpt Wirtschaft an der FH St. Pölten, AT. Neben freier Beratertätigkeit für die INNOVATION International Media Consulting Group nimmt er zurzeit die Sprecherfunktion für die Fachgruppe Medienökonomie in der DGPuK[.de] wahr und ist Beirat für die Zeitschrift "Medien & Kommunikationswissenschaft".

Mögliche Interessenskonflikte:

keine

Leserbriefe

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Keine Revolution nur Evolution

Die Bedeutung von sozialen Netzwerken wird meiner Meinung nach völlig überschätzt und leider tragen auch die Autoren dieses Beitrages in gewisser Weise zu dem Hype zu. Soziale Netzwerke sind nichts neues, mit Facebook und Konsorten ändert sich nur die Kommunikation. Was früher per Telefon, SMS, oder E-Mail erfolgt ist passiert heute in sozialen Netzen.

Ich zehn oder zwanzig Jahren wird man die Aufregung um die sozialen Netze, wie wir sie heute erleben, sicherlich nicht mehr nachvollziehen können.

Zudem wird sich das Bewußtsein der Nutzer für ihre Privatsphäre schärfen. Immer mehr Informationen werden User nur noch einem sehr engen Kreis an vertrauen "Freunden" offenbaren, sodass sich auch der virale Effekt solcher Netzte relativiert.

Das Titelbild finde ich übrigens einen klasse Aufmacher.

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